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Agri-PV in der Praxis: Machbarkeit & Umsetzung

Agri-PV in der Praxis: Machbarkeit & Umsetzung – die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Feldwerke-Webinar

In unserem Webinar „Agri-PV in der Praxis – Machbarkeit & Umsetzung“ haben wir gezeigt, warum Agri-Photovoltaik (Agri-PV) gerade so stark an Bedeutung gewinnt – und wie Projekte in der Realität geplant, genehmigt und gebaut werden. Im Fokus standen zwei Praxispfade: großflächige Agri-PV-Anlagen (mit kommunalem Bauleitplanverfahren) sowie hofnahe, baurechtlich privilegierte Agri-PV-Projekte. Im folgenden Beitrag fassen wir die Inhalte kompakt und praxisnah zusammen – als Orientierung für Landwirte, Flächeneigentümer und Kommunen.

Warum Agri-PV gerade jetzt so relevant ist

Die Landwirtschaft steht zunehmend unter Druck: Wetterextreme und Klimawandel machen Erträge volatiler, gleichzeitig steigen Kosten (z. B. Diesel, Dünger) und bürokratische Anforderungen binden Ressourcen. Parallel dazu soll der Solarausbau massiv beschleunigt werden. Genau hier setzt Agri-PV an, weil sie Energieerzeugung und landwirtschaftliche Nutzung auf derselben Fläche zusammenbringt – und damit Flächenkonkurrenz entschärft.

Der zentrale Gedanke: Landwirtschaft bleibt Hauptnutzung, während Solarstrom zusätzlich erzeugt wird. In der Praxis bedeutet das meist: sehr geringer Flächenverlust, weiterhin nutzbare Bewirtschaftungsstreifen – und eine Aufwertung der Fläche durch integrierte Biodiversitätsmaßnahmen.

Feldwerke-Ansatz: Agri-PV mit nachgeführten Systemen und Speicher

In unserem Webinar haben wir erläutert, warum wir in vielen Fällen auf einachsige, nachgeführte (Tracking-)Systeme setzen. Sie richten sich im Tagesverlauf nach der Sonne aus und erzeugen dadurch mehr Energie als starre, südaufgeständerte Anlagen. Entscheidender Vorteil: Die Einspeisung verteilt sich breiter über den Tag – morgens und abends mehr Strom, weniger einseitige Mittagsspitze.

Landwirtschaftliche Integration

Das Layout wird so geplant, dass die Bewirtschaftung weiterhin praktikabel bleibt. Typisch sind:

  • Achshöhen im Bereich von rund 2,8 m (bei Tierhaltung ggf. höher)
  • Reihenabstände im Bereich von ca. 14m
  • definierte Bewirtschaftungsbreiten (oft ca. 12m) – abgestimmt auf Maschinenbreiten
  • Biodiversitäts-/Blühstreifen unter bzw. entlang der Modulreihen als ökologische Aufwertung und „Puffer“ in der Bewirtschaftung

In Summe ist das Ziel klar: hoher landwirtschaftlicher Nutzungsanteil – und ein System, das in der Praxis „fahrbar“ bleibt.

Batteriespeicher als fehlendes Puzzleteil

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kombination mit Batteriespeichern (BESS). Speicher helfen, Solarstrom aus den Mittagsstunden in attraktivere Randzeiten zu verschieben und Abregelungsrisiken zu reduzieren. Für viele Projekte ist das ein wichtiger Baustein, um die Netzintegration zu verbessern und wirtschaftlich robuster zu werden.

Agri-PV vs. Freiflächen-PV: die wichtigsten Unterschiede in der Praxis

Im Webinar haben wir die typischen Vorteile von Agri-PV gegenüber klassischer Freiflächen-PV herausgestellt:

  • Landwirtschaft bleibt möglich (statt vollständiger Umnutzung)
  • GAP-Förderfähigkeit bleibt grundsätzlich anteilig erhalten, je nachdem, wie viel Fläche weiterhin landwirtschaftlich genutzt wird
  • Steuerlicher Status: Agri-PV wird in der Praxis häufig als kompatibler mit dem landwirtschaftlichen Betriebsvermögen bewertet, wodurch erbschaftsteuerliche Privilegierungen eher erhalten bleiben können
  • Bessere Netzwirkung bei Tracking-Systemen durch flacheres Einspeiseprofil
  • Ökologische Aufwertung über Biodiversitätsstreifen und strukturreiche Flächenanteile

Für Kommunen kommen häufig zusätzliche Argumente hinzu: regionale Wertschöpfung, Gewerbesteuer, kommunale Zahlungen nach EEG-Mechanismen sowie Bürgerbeteiligungsmodelle – plus der Vorteil, ein sichtbares Vorzeigeprojekt der Energiewende zu realisieren.

Praxisbeispiel großflächige Agri-PV: Oberndorf am Lech (Leuchtturmprojekt)

Anhand des Projekts in Oberndorf am Lech erklären wir den typischen Ablauf eines großflächigen Agri-PV-Projekts – von der Idee bis zur Inbetriebnahme.

1) Start: Einigung & Machbarkeitsanalyse

Am Anfang stehen grundlegende Checks:

  • Flächeneignung (Ausrichtung, Zuschnitt, Bewirtschaftung)
  • Schutzgebiete / Restriktionen (z. B. Landschaftsschutz, FFH-Aspekte)
  • Netzanschlussmöglichkeiten (frühzeitige Einschätzung ist entscheidend)
  • Erste Layoutplanung (Reihenabstände, Vorgewende, Ausschlussflächen z. B. bei Leitungen)

Wichtig: Eine Hochspannungsleitung oder andere Vorbelastungen müssen nicht zwingend ein Ausschluss sein – das Layout kann häufig angepasst werden.

2) Kommunales Verfahren: Aufstellungsbeschluss & B-Plan

Großflächige Anlagen laufen typischerweise über ein Bauleitplanverfahren. Ein zentraler Meilenstein ist der Aufstellungsbeschluss des Gemeinderats, um in den vorhabenbezogenen Bebauungsplan und die parallele Änderung des Flächennutzungsplans zu starten.

3) Netzanschluss: verbindliche Anfrage & Trasse

Mit „grünem Licht“ aus der Kommune wird üblicherweise die verbindliche Netzanfrage gestellt. Im Beispiel war der Netzanschluss über ein nahegelegenes Umspannwerk mit Trassenführung überwiegend über Feldwege möglich – ein großer Vorteil. Querungen (Bäche, Bahntrassen) sind technisch meist lösbar, brauchen aber Planung und Vorlauf.

Eine wichtige Praxiserkenntnis: Selbst längere Trassen können wirtschaftlich noch darstellbar sein – aber Netzthemen bleiben häufig das Nadelöhr. Deshalb lohnt sich eine frühe, realistische Netzprüfung.

4) Gutachten & Umwelt: die genehmigungsrelevanten Bausteine

Für ein reibungsloses Verfahren werden typischerweise mehrere Gutachten benötigt, je nach Standort u. a.:

  • Blend-/Reflexionsbewertung
  • Brandschutz
  • Boden / Baugrund
  • Kampfmittel
  • Ertragsgutachten
  • Artenkartierung (je nach Gebiet und Abstimmung)

Gerade die Artenkartierung ist häufig saisonal gebunden (Frühjahr/Frühsommer) und muss frühzeitig eingeplant werden.

5) Ausgleich & Akzeptanz

Ein wichtiges Learning: In Agri-PV-Projekten kann der integrierte Biodiversitätsstreifen helfen, Ausgleichsbedarfe zu reduzieren – in einigen Fällen sogar ohne zusätzliche externe Ausgleichsflächen. Zudem ist die Akzeptanz oft höher, wenn sichtbar bleibt, dass die Fläche landwirtschaftlich genutzt wird.

Hofnah & privilegiert: der schnellere Weg zur Agri-PV (bis 2,5 ha)

Für viele Betriebe besonders spannend ist die baurechtlich privilegierte Agri-PV im Außenbereich. Worauf es dabei ankommt:

Die 3 Kernkriterien der Privilegierung

  • Max. 25.000 m² Grundfläche (≈ 2,5 ha), gemessen innerhalb der äußeren Modulflanken
  • Räumlich-funktionaler Zusammenhang zur Hofstelle / zum Betrieb
  • Nur eine Anlage pro Hofstelle/Betriebsstandort

Wichtig für die Praxis: Die Grundfläche bezieht sich auf die eingegrenzte Modulfläche; ein Vorgewende ist nicht zwingend Teil der 2,5-ha-Fläche. Beim räumlichen Zusammenhang gilt: sehr nahe Flächen (bis 500m) sind im Normalfall unproblematisch; bei größerer Entfernung (bis 1km) kann eine Einzelfallprüfung möglich sein.

Förderlogik nicht mit Baurecht verwechseln

Klare Abgrenzung: Die 1-MW-Thematik (z. B. fixe Vergütung, Ausschreibungspflichten und 2-km-Umkreis-Betrachtungen) betrifft vor allem die Förderkulisse, nicht die baurechtliche Privilegierung. Das heißt: Baurechtlich können auf 2,5 ha – je nach System – auch mehr als 1 MW installiert werden; förderseitig ist dann separat zu prüfen, welcher Mechanismus greift.

Typischer Projektablauf (9–12 Monate)

Bei privilegierten Projekten ist in der Regel „nur“ ein Bauantrag nötig – kein Bauleitplanverfahren. Der Praxisprozess umfasst:

  1. Vorprüfung Privilegierung & Standort
  2. Netzanfrage
  3. Landwirtschaftliches Nutzungskonzept (Agri-PV-konform)
  4. Bauantragsunterlagen & Abstimmung mit Behörden
  5. Baugenehmigung, Finanzierung, Bau & Inbetriebnahme

Gerade bei hofnahen Projekten mit nahem Netzanschlusspunkt und ohne Schutzgebietsrestriktionen kann das Verfahren deutlich schneller sein als bei großflächigen Vorhaben.

Häufige Fragen und Einwände – kurz beantwortet

Was passiert bei Insolvenz des Betreibers?

In der Praxis wird das Risiko über vertragliche Mechanismen und eine Rückbausicherheit adressiert. Ziel ist, dass die Fläche im Worst Case wieder in den Ursprungszustand versetzt werden kann.

Ist die Netzsituation ein Showstopper?

Netz bleibt oft der Engpass – aber mit frühzeitiger Prüfung, realistischer Trassenplanung und speicherbasierten Konzepten lassen sich viele Projekte umsetzen.

Was, wenn die Gemeinde blockt?

Agri-PV wird häufig anders bewertet als Freiflächen-PV. Falls großflächig nicht möglich, kann ein hofnahes privilegiertes Projekt eine Alternative sein.

Hühnerweide unter Agri-PV – geht das?

In der Praxis gibt es bisher unterschiedliche Bewertungen. Entscheidender Punkt ist meist, ob die landwirtschaftliche Nutzung (und ein ausreichender Referenzertrag über den Aufwuchs) nachweisbar bleibt.

Fazit: So wird Agri-PV umsetzbar

Agri-PV ist kein theoretisches Konzept mehr – sie lässt sich heute real bauen und betreiben, wenn die drei Erfolgsfaktoren sauber zusammenpassen:

  1. Fläche & Landwirtschaft: Bewirtschaftung muss praktisch funktionieren und nachweisbar Hauptnutzung bleiben.
  2. Netz: Frühzeitige, ehrliche Netzprüfung ist Pflicht – inklusive Trassenrealismus.
  3. Genehmigungsstrategie: Großflächig über Gemeinde/B-Plan oder hofnah privilegiert über Bauantrag – je nach Standort und Ziel.

Wenn diese Punkte früh geklärt sind, wird Agri-PV zu dem, was sie sein soll: ein zusätzlicher, planbarer Ertrag für Betriebe – und ein verträglicher Weg für den Solarausbau in Deutschland.

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